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Warneboldt / Gemmeke: “Banken haben ihre Strukturen überprüft”

Die beiden Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Oliver Warneboldt und Stefan Gemmeke von der Kooperation Nordwest über Mittelstandsfinanzierung und die Frage, was mittelständische Unternehmen in Verhandlungen mit Banken beachten sollten. Das Interview ist im Wirtschaftsmagazin Regjo Hannover vom Polygo Verlag erschienen.

Oliver Warneboldt: Steuerberater und WirtschaftsprüferStichwort Eurokrise: Wie ist die aktuelle Stimmung im niedersächsischen Mittelstand?

Warneboldt: Die Folgen der Eurokrise sind noch nicht absehbar. Den Unternehmen fehlen die Planungssicherheit und eine klare Zukunftsperspektive. 2012 haben wir trotz einer leichten Eintrübung der Wirtschaft insgesamt gute Ergebnisse. Das heißt: Die heutigen Sorgen und Ängste der Unternehmen beziehen sich allesamt auf die Zukunft.

Was sind für mittelständische Unternehmer derzeit die dringendsten Fragen an die Wirtschaft und Politik?

Warneboldt: Wir führen mit Unternehmern regelmäßig Strategiegespräche. Deshalb wissen wir sehr genau, was sich mittelständische Unternehmer von der Politik am meisten wünschen. Das ist Planungssicherheit! Unternehmer und Manager machen sich Sorgen darüber, wie es um die politischen Rahmenbedingungen steht und wie es weitergeht. Wird die Einkommensteuer erhöht? Was passiert mit der Vermögenssteuer? Wie entwickeln sich die Produktivitätskosten und was bedeutet das wiederum für die Attraktivität des Standorts?

Stefan Gemmeke: Steuerberater und WirtschaftsprüferGemmeke: Die Mittelständler fragen sich auch, wie sie die wachsende Bürokratie bewältigen sollen. Der Bürokratieaufwand ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Vor allem bei unseren Mandanten aus den Pflege- und Gesundheitsberufen beobachten wir eine Explosion der Verwaltungsaufgaben. Diese Sorgen sind zwar nicht neu, aber sie werden zusehends gewichtiger. Wir bieten bei diesen Fragen den Vorteil, dass wir interdisziplinär arbeiten und beraten. Konkret heißt das: Wir nehmen mittelständischen Unternehmen Verwaltungsaufwand ab.

Wie haben sich die Banken seit dem Jahr 2009 gegenüber dem Mittelstand aufgestellt?

Gemmeke: Die Banken haben ihre Strukturen überprüft: Sind wir eigentlich nah genug am Kunden, um auf Krisen zeitnah und effektiv reagieren zu können? Das Stichwort lautet: Frühwarnung. Die Kundenbetreuung der Banken erfolgt in drei Stufen. In guten Zeiten ist der Kundenbetreuer der Ansprechpartner eines Betriebs. Wenn es Probleme gibt, übernimmt in der Bank ein Kollege aus der Sanierungsabteilung. Dieser Bankmitarbeiter leitet dann die erforderlichen Schritte ein. Ist die Rettung des Unternehmens nicht mehr möglich, kommt es auf der dritten Stufe zur Abwicklung. Die Banken haben daran gearbeitet, dass sie früher erkennen, wann ein Unternehmen von Stufe 1 zur Stufe 2 übergeht und sich der Beratungsbedarf intensiviert.

Was sind die häufigsten Fragen und Ängste der Mittelständler, wenn es um eine Finanzierung geht?

Warneboldt: Momentan ist Basel III in der Umsetzungsphase. 2013 sollen die neuen Regeln in Kraft treten. Ziel von Basel III ist die Stärkung der Liquidität und des Eigenkapitals der Banken, damit sie Krisen künftig besser überstehen und nicht auf staatliche Hilfe angewiesen sind wie in den letzten Jahren. Der Mittelständler fragt sich da natürlich: Was bedeutet das für meinen Kredit? Was ändert sich im Verfahren der Kreditvergabe? Wird es in Zukunft viel schwerer und bürokratisch aufwendiger, einen Kredit zu bekommen?

Gemmeke: Fakt ist: Es gibt keine Kreditklemme. Fakt ist außerdem: Aufwendigere Verfahren wegen Basel III kriegen wir für die mittelständischen Unternehmen in den Griff. Trotzdem nimmt die Angst vor einer Kreditklemme offenbar zu. Das beobachten wir seit gut einem halben Jahr. Da ist dieser zweifelnde Blick der Unternehmer nach vorn, über den wir vorher schon gesprochen haben.

Worauf sollten mittelständische Unternehmer bei Kreditverhandlungen mit Banken achten?

Gemmeke: Ganz wichtig ist, dass die Unternehmer sich erst einmal selbst auf dem Laufenden halten. Sie sollten permanent wissen, wo ihr Unternehmen steht. Auch bei Verhandlungen mit Banken. Als Berater gehört zu unseren Aufgaben, dass wir Berührungsängste zwischen mittelständischen Unternehmen und Banken durch positive Kommunikation und professionelle Lösungsansätze abbauen.

Warneboldt: Wir raten mittelständischen Unternehmern auch dringend zu einer Mehrjahresplanung. Bei der integrierten Unternehmensplanung werden Rentabilität, Liquidität und Eigenkapital aus einem Guss geplant. Wenn meine Planung für den nächsten Sommer ein Liquiditätsloch befürchten lässt, kann ich heute schon reagieren und mit der Bank frühzeitig sprechen. Es geht um eine möglichst langfristige Planung, vorausschauendes Arbeiten und gute Vorbereitung.

Gemmeke: Genau darin unterstützen wir als mittelständische Kanzleien die Unternehmer im Mittelstand. Wir reden mit Unternehmern auf Augenhöhe, eben Mittelstand mit Mittelstand.

Welche Alternativen gibt es bei der Finanzierung zu reinen Krediten?

Warneboldt: Eigenkapital ist bereits eine Form der Finanzierung, ganz klar. Eine höhere Eigenkapitalquote sorgt für Sicherheit. In dieser Hinsicht haben mittelständische Unternehmen die Zeit nach der Krise genutzt. Mittlerweile sind wir bei einer Eigenkapitalquote von fast 30 Prozent angekommen. Sinnvoll ist auch der Einsatz von Leasing und Factoring. Eine gute Alternative ist auch die Hereinnahme von Beteiligungen, zum Beispiel von Beteiligungsgesellschaften der einzelnen Bundesländer. Momentan wird auch häufiger mit Anleihen gearbeitet.

Was empfehlen Sie mittelständischen Unternehmern mit Blick auf die Marktentwicklungen der kommenden Jahre?

Warneboldt: Die Unternehmen sollten in möglichst langfristigen Szenarien planen. So bekommen sie den Handlungsspielraum. Wir verbinden solche Szenarien mit Stresstests nach dem Motto: Was passiert, wenn …? Wir bieten hierfür einen Quick-Check inklusive Maßnahmenkatalog an. Nach drei bis fünf Tagen haben Sie einen profunden Überblick über den eigenen Status quo! Wir bieten unseren Mandanten eine laufende Beratung und entwickeln mit ihnen ein Frühwarnsystem, das in guten Zeiten auf eventuelle Engpässe in der Zukunft hinweist.

Gemmeke: Die Vorteile liegen auf der Hand. Sie können als Unternehmer langfristig und strategisch agieren. Da bricht kein Unwetter mehr überraschend über Sie herein, das sich in Wahrheit langsam zusammengebraut hat. Am Freitagnachmittag seine Bank anrufen zu müssen, weil man am nächsten Montag die Löhne nicht mehr zahlen kann – das sind Situationen, die für Firmen bedrohlich sind. Transparenz, Risikostreuung und Vorausschau führen zum Erfolg. Auf diesem Weg beraten und unterstützen wir unsere Mandanten, die mittelständischen Unternehmen und Unternehmer.

  • Quelle: REGJO Hannover 3/2012, POLYGO Verlag GmbH

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